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Pro Gewerkschaft

Die Arbeitsverhältnisse in Deutschland werden zunehmend schlechter.

Sind wir an Lohndumping, Leiharbeit und Arbeitslosigkeit selbst schuld?

 
 

Um die Arbeitsverhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland steht es nicht zum Besten. Leiharbeit macht sich breit und führt zu Wildwuchs. Belegschaften werden in Leiharbeitsgesellschaften ausgegliedert, um die gleiche Tätigkeit wie vorher zu wesentlichen schlechteren Bedingungen auszuüben. Ein Niedriglohnsektor beginnt sich zu etablieren, der selbst für Vollzeittätigkeiten Löhne bietet, die so gering sind, dass man davon nicht leben kann.

Den schlimmsten Auswüchsen dieser Lohndrückerei könnte man durch einen gesetzlichen Mindestlohn begegnen. Die Auswüchse der Leiharbeit könnten beseitigt werden, durch ein Gesetz, das festlegt, dass Leiharbeiter mehr oder wenigstens genauso viel verdienen, wie regulär angestellte Arbeitnehmer. Wenn aber eine Regierung zu einer gesetzlichen Regelung nicht bereit ist, kommt man so nicht weiter. Kann man nicht auch unabhängig davon etwas unternehmen, um sich gegen diese Zustände massiv zu wehren.

 

Traditionell kümmern sich Gewerkschaften um Arbeitsverhältnisse und Löhne. Sie sorgen für eine Solidarisierung im Arbeitskampf, für Streiks und für eine Durchsetzung von Arbeitnehmerinteressen. Beispiele hierzu lassen sich in den letzten Jahren viele finden. So schloss die Industriegewerkschaft-Metall im Jahr 2008 im Bereich der Textil- und Bekleidungsindustrie einen Tarifvertrag ab, der eine Erhöhung des Gehalts um 3,6 Prozent vorsieht. Im gleichen Jahr erkämpfte sie bei den Verhandlungen mit den Arbeitgebern der Metall- und Elektroindustrie eine Gehaltserhöhung von 4,2 Prozent.
Im Bereich der Wach- und Sicherheitsdienste, wie im Bereich der Pflege erkämpfte Verdi in den letzten Monaten Mindestlöhne und setzte in harten Verhandlungen in einem neuen Tarifvertrag Gehaltserhöhungen für den öffentlichen Dienst durch.
Die Gewerkschaften kämpfen nicht nur für ihre Mitglieder, sondern immer für einen Bereich oder eine Branche. Ein wesentliches Druckmittel bei Verhandlungen ist die Androhung von Arbeitskämpfen. Allerdings sind den Gewerkschaften in vielen Bereichen die Hände gebunden, weil der Organisationsgrad nicht ausreichend hoch ist. Streikandrohungen bleiben logischerweise unwirksam, wenn sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zur Durchsetzung ihrer Interessen nicht in ausreichender Anzahl solidarisieren. Die Ergebnisse der Verhandlungen mit den Arbeitgebern sind immer auch ein Spiegelbild des Organisationsgrads.

 

Betrachtet man die Entwicklung des Organisationsgrads der großen Gewerkschaften, so zeigt sich, dass er stark gefallen ist.
Im internationalen Vergleich weist Deutschland hier einen unterdurchschnittlichen Wert auf.


Die Gründe dafür, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihre Rechte nicht ausreichend wahrnehmen, sich organisieren und gemeinsam für ihr Gehalt und ihre Arbeitsplatzsituation kämpfen, sind sicherlich vielfältig. Es kann an mangelnder Einsicht, Angst, Trägheit oder zu geringem Problembewußtsein liegen.

Es gibt Länder, die einen wesentlich höheren Grad gewerkschaftlicher Organisation aufweisen als die Bundesrepublik Deutschland. Hierzu zählen beispielsweise die skandinavischen Länder und Belgien. In diesen Ländern sind mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert. In Schweden sind es fast 82 Prozent und in Norwegen immerhin noch 54 Prozent. Es gibt in diesen Ländern zwar auch einen Niedriglohnsektor, aber jeder kann von einer Vollzeitbeschäftigung leben. Hier wird ein Leiharbeiter nicht schlechter bezahlt als ein Festangestellter. Hier gibt es keine Ein-Euro Jobs und hier wird dem Lohndumping ein Riegel vorgeschoben. Diese Staaten besitzen ein höheres Lohnniveau und eine geringere Arbeitslosigkeit als die Bundesrepublik.

Offensichtlich lassen sich Arbeitsverhältnisse verbessern und Niedriglöhne bekämpfen, wenn sich die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verstärkt in Gewerkschaften solidarisieren. Daher werben wir für eine Steigerung des Organisationsgrads in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Stärkung der Gewerkschaften kann bewirken, dass der Trend zur Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse gestoppt wird, dass wieder gerechte Löhne und Gehälter gezahlt werden und dass der Umverteilung von unten nach oben gestoppt wird.

 
 

In den letzten Zehn Jahren sind die Einkommen am oberen Ende der Skala ständig gewachsen. Erhöht haben sich auch die Gewinne und der Wert von Unternehmen. Gleichzeitig ist die Lohnquote in den letzten zehn Jahren von 72,2 Prozent auf 66 Prozent gesunken.

Die Grafik zeigt, dass das Gesamteinkommen der deutschen Volkswirtschaft leicht steigt, Unternehmens- und Vermögensgewinne stark zulegen und dass im Gegensatz dazu die Löhne preisbereinigt sinken. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen nicht nur eine Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen und ihres Einkommens hinnehmen, sie müssen gleichzeitig auch noch zusehen, wie die Verteilung des Volkseinkommens sich zu ihrem Nachteil deutlich verschlechtert.
Die Grafik verdeutlicht, dass ein Verteilungsspielraum existiert und dass es Aussicht auf Erfolg verspricht, sich zu engagieren.

 
 

Mehr Druck kann bei Verhandlungen vieles bewirken. Stärken wir die Gewerkschaften, folgen wir dem Beispiel der skandinavischen Länder und steigern den Organisationsgrad.
Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass die erwirtschafteten Gewinne und Überschüsse auch bei denen ankommen, die dafür hart gearbeitet haben. Die Situation kann sich ändern, wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sich dessen bewusst werden, dass sie für ihre Interessen eintreten müssen.

Reinhard Seyer

 
 

Ansprechpartner: Stefan Vogler, Mitglied des DGB-Ortskartells Rodgau
Email: Stefan.Vogler(at)t-online.de